
Mit dieser Meldung fing alles an. Ich weiß nicht mehr, was es am nächsten Tag an Heiligabend zu Essen gab. Aber ich weiß noch, wie ich meiner Mutter mit ihrer unglaublich laut klackernden PC-Tastatur auf die Nerven gegangen bin und sie keine Ahnung hatte, was ich dort tat.
Ich nutze die Gelegenheit mal für einen etwas umfassenderen und reflektierteren Post darüber, wie ich Rollenspiel kennengelernt habe und was das für eine Wirkung auf mich und meine persönliche Entwicklung hatte. Vielleicht wird das für mich auch ein halber Abschiedspost, mal sehen. Mir ist natürlich klar, dass ich persönlich euch egal bin, aber ich denke, dass man ein paar Aspekte daraus ganz gut auch auf die Allgemeinheit oder sogar sich selbst ableiten kann.
Was genau war die Minenkolonie? Kurz gesagt, wie ich es erlebt hatte: erst ein Browsergame mit Text-RP-Anteilen, nach einer Weile dann ein Text-RP mit Browsergame-Anteilen. Der RP-Part lief also über Textfenster, größtenteils losgelöst vom Gameplay-Part (Leveln, Skillen, Questen, dies das), visuell lediglich unterstützt durch einen 360-Grad-Screenshot, in dem man sich umsehen konnte, von dem jeweiligen Lager oder Gebiet, in dem man sich befand. Ansonsten gab es nur die Gothic-Spiele selbst und die eigene Vorstellungskraft. Leider kann man sich das alles nicht mehr ansehen, weil die Minenkolonie im Oktober 2018 eingestellt wurde. Aber die Charakterbiographien sind noch drin und sollten ungefähre Einblicke in den Vibe dieses Spiels geben.
Die Minenkolonie, in der letzten Version kurz MK3 von den Spielern genannt, war eine Art inoffizieller Vorgänger von SKO. Der Gründer von SKO, Jeyops, hat dort selbst mitgespielt und das alles, grob gesagt, in die 3D-Engine des noch jungen, ziemlich unbekannten Gothic Multiplayers übertragen. Die konzeptionelle Verwandschaft beider Rollenspiele war am ersten SKO auch abzulesen und ist es teils heute noch.
Events waren noch "RP-Aktionen" (die im Grunde jeder starten konnte), Charakter-Bios waren so ausgeschmückt wie Knuddels-Profile, der /x-Befehl stand für alle Spieler frei zur Verfügung. Erst mal musste ich feststellen, wie viel älter alle anderen zu sein schienen als ich. Augenscheinlich, denn 5 Jahre Altersunterschied fühlten sich damals an wie heute 20 Jahre Altersunterschied. Ich hatte noch nie groß mit Leuten zu tun, die schon (!) 18 (!) waren. Ich weiß nicht, wie sich Menschen heute in meinem damaligen Alter fühlen. Ich erinnere mich, was für einen Respekt und eine Ehrfurcht das in mir ausgelöst hat, dass ich mit "diesen Leuten" zusammenspielen durfte.
Natürlich stellte sich dann schnell heraus, dass auch einige in meinem Alter dabei waren. Die WoG-News hatte einiges an Interesse geweckt. Vorher war die MK in den Versionen 1 und 2 noch kleiner. Über ICQ kam ich auch mit anderen Spielern in Kontakt. Das war das erste Mal, dass ich Online mit völlig Fremden interagierte und entsprechend eine prägende Zeit. Es gab zwar einen Community-Chat abseits der MK3-Homepage und auch ein Forum, aber ansonsten keine große, übergreifende Vernetzung, wie das z. B. Discord geschaffen hat. Es gab keine echten Bubbles. Verstand man sich mit jemandem, kam man manchmal eben privat in Kontakt. Das war noch deutlich näher an Begegnungen im "echten" Leben dran und brachte deshalb auch die entsprechenden Umgangsformen und den Respekt mit sich. Habe ich mich im Chat daneben benommen (was bestimmt gelegentlich vor kam
), bekam ich einen auf den Deckel und ließ es danach sein.
Interessant waren die ganzen RP-Anfänger wie ich, wie ich es später dann auch in SKO noch mal sah, dann aber mit viel eigener Erfahrung darauf blicken konnte. Ich selbst habe das Prinzip sehr schnell begriffen und noch schneller zu lieben gelernt. Aber insgesamt gab es in der MK3, vor allem die erste Zeit, sehr viel Powerplay. Stellt euch heute einen durchschnittlichen Emote-Kampf auf SKO vor und das dann aber überall, den ganzen Tag; wenn man RP ausschließlich über Text betreibt, könnt ihr ungefähr erahnen, was das für Ausmaße annahm (während man in einer 3D-Engine schon sehr gewieft vorgehen muss, um sie auszunutzen). Das Gute: Alles war global für jeden sichtbar, der sich bloß in den entsprechenden, ich nenne es mal Channel bewegte. Niemand konnte sich mit seinem Powerplay verstecken oder es durch Scheinargumente rechtfertigen. Es gab sofort auf den Sack. Und entsprechend groß war dann bei vielen der Lerneffekt. Ich glaube, auch hier heute auf SKO würden sich viele Spieler ganz anders verhalten, wenn sie wüssten, dass ihnen grundlegend jeder zusehen kann, auch im Nachhinein noch, denn die Chats blieben lange erhalten. Ich war also gefordert, wollte mein Bestes geben und meine Mitspieler nicht enttäuschen. Das alles war super lehrreich, was ich heute mit pädagogischer Ausbildung rückblickend erst Recht erkenne.
Aber nicht nur das. Die MK3 hat mein Interesse für das Lesen und Schreiben, für Literatur geweckt. Heute, fast 18 Jahre später, habe ich selbst Literatur studiert, strebe eine akademische Laufbahn an und schreibe Romane. Ob die MK3 damit nun ein Segen oder mein Untergang war, kann jeder selbst bewerten. Ich bin eigentlich ganz zufrieden.
Auch das Community-Leben war ein anderes. Es war noch normal und größtenteils frei von Risiko, RL-Bilder von sich im Forum zu teilen, was mir heute im SKO-Forum nicht im Traum einfallen würde. Es gab Community-Treffen, zu denen ich auch immer eingeladen wurde, mich aber nie getraut habe, zu einem zu gehen. Ich weiß noch von genau einem MK3-Mitspieler, der heute noch bei SKO dabei ist. Falls es noch mehr hier gibt, meldet euch gern mal.
Meinen ersten Schritt in "Rollenspiel" in einer 3D-Engine setzte ich ca. 2008/09 auf einen GTA San Andreas RL-Server. "RL" war dort ungleich "RP" und ist eher das, was heute auf SKO als Rollenspiel gilt (starker Fokus auf Wirtschaft als Basis für Interaktionen). Funfact: Sowohl in der MK3 als auch auf diesem Server hatte ich ingame einen Gildenleiter bzw. Vorgesetzten, deren Spieler irgendwann zum Wehrdienst mussten (sowas kam öfter vor) und mir die Verantwortung über seine Söldnergilde bzw. sein Krankenhaus überließ. Ich erinnere mich, wie ich beide Male eine große Dankbarkeit dafür fühlte und das auch zum Ausdruck brachte. Auch als Supporter (war ungefähr dasselbe wie hier) bekam ich erstmals Verantwortung in einem Ausmaß, das, so ehrlich muss ich sein, das "echte Leben" selten für meine Altersklasse bereithielt. Ich habe bis heute in keinem Online-Spiel jemals gehackt, gecheatet, Items über Chars geschmuggelt oder sonst derartige Schmuddeleien betrieben. Ich hatte großes Glück, dass meine näheren Kontakte fast immer sauber waren und ich deshalb nie von anderen zu irgendwelchen Dummheiten verleitet werden konnte. Was in dem Alter nun mal schnell passieren kann.
Irgendwann fand ich auch dieses Castle-Defense-Blabla, von dem Ainhoa erzählt hat. (Team-)Deathmatch in Gothic empfand ich ohne RP-Kontext insgesamt aber immer ungefähr so spannend wie Bratensauce ohne Braten (was allerdings geil sein kann, wenn ich drüber nachdenke), allerdings war es natürlich ein Highlight, Gothic erstmals in der originalen 3D-Engine mit anderen zu spielen. Dann, noch einige Jahre später, stieß ich irgendwie aufs ganz alte SKO-Forum. Das war 2013, in der Closed Beta. Ich habe mich beworben, wurde von Latro angenommen, habe meinen alten Söldnerchar aus der MK3 erstellt ... und ungefähr eine Stunde lang gespielt, bis ich es zu langweilig fand. Das lag schlichtweg an der Spielerzahl von durchschnittlich fünf Leuten oder so, was leider nie mein Ding war, da ich bis heute am Liebsten die Masse vor mir habe, in die ich mich als einzelnes Puzzleteil integrieren kann, um zum Gesamtbild beizutragen.
Irgendwann in den Wochen danach ging SKO dann in die Open Beta. Da machte ich mir einen neuen Char, und das war dann auch der, bei dem ich bis zuletzt blieb. Aber wieder: zu wenig Leute, zu langweilig. Aber immerhin gab es schon ein paar mehr Interaktionen, sodass ich heißer (vielleicht sogar einziger) Anwärter auf den Beitritt zur NL-Bande wurde. Irgendwann loggte ich mich besoffen noch mal ein, fand keine Leute, wurde von einem Snapper gekillt und von einem weiteren auf das Dach von Cavalorns Hütte gejagt. Das war's dann.
Bis zu dieser Meldung:

Da fing dann die ganz große Party an. 80+ Spieler im Durchschnitt. Den ganzen Tag. Ich werde meine Zeit mit meinem ersten SKO-Char nun nicht nachzeichnen. Aber es war die umfassendste, intensivste, emotionalste Zeit, die ich je in irgendeiner Form von Online-Präsenz erlebt habe. Ich entschied mich erstmals, selbst in leitender Funktion an so einem Projekt teilzunehmen, wurde Supporter, Gildenleiter, Spielleiter. Ich lernte Mitspieler privat kennen, fand Freunde, mit denen ich bis heute Kontakt habe, auch wenn ich teils seit 10 Jahren keine Zeile RP mehr mit ihnen ausgetauscht habe. Ich traf einige mehrfach privat. Und all das alles auf gesunde Weise, weil ich das Glück habe, dass ich mit SKO bzw. GMP bzw. Onlinespielen nie irgendeinen Mangel aus dem Reallife kompensieren musste.
Das waren jetzt die schöneren Seiten, die in meiner Erinnerung aber aus dieser Zeit überwiegen, obwohl es wirklich sehr sehr viel Stress gab. Ich hatte das Glück, selten persönlichen Angriffen ausgesetzt zu sein, wusste die wenigen Male aber entsprechend einzuordnen, und dann ließen es die Leute auch sein und tun gut daran, mir fernzubleiben. Dabei belasse ich es dann hier jetzt auch, denn das sollen positive Erinnerungen bleiben und es geht ja auch nur um den Weg hin zum GMP. Danke KurVVanator für die Gelegenheit, das alles noch mal niederzuschreiben. Was schlussendlich nach diesem Beitrag aber auch festzuhalten ist, ist ein harter Fakt: Das Herz, mit dem meine Mitspieler in der MK3 und in SKO 2013-15 größtenteils ins Rollenspiel gingen (obwohl die meisten erst komplett neu waren und keinen Plan hatten, was sie taten!), werde ich, auch nostalgiebereinigt, vermutlich nie wieder sehen. Und damit sollte ich mich allmählich abfinden.