Cassia - Von der Gosse in die Strafkolonie

  • Dichtes Schneetreiben. Es ist kaum die Hand vor Augen zu erkennen. Ein eisiger Wind fegt durch die Gassen der Hafenstadt Khorinis. Wie ein gepeinigtes Tier heult er immer wieder auf. Die wenigen, welche eine Hütte ihr Eigen nennen dürfen, sind damit beschäftigt, jene arme Seelen zu vertreiben, die in der Nähe der Behausungen verzweifelt Schutz vor dem weißen Tod suchen. Die Stimmung ist bedrückt: Lediglich das Heulen des Windes und die verärgerten Rufe einzelner Hüttenbesitzer sind zu vernehmen.


    Lediglich in der Gasse entlang der Mauer, welche das Hafenviertel von dem Marktplatz trennt, herrscht Trubel. Rund um einen aus entzündeten Standfackeln bestehenden Kreis ist eine große Menschenmasse versammelt: Größtenteils ausgehungerte Gestalten, deren Leiber in dicke Tierpelze und Lumpen gewunden sind, stehen um den Kreis herum. Neben diesem Kreis befindet sich ein einzelner Tisch, an welchem ein einzelner Hocker steht. Auf diesem sitzt eine kleine Gestalt, welche so dick in Pelze eingepackt ist, dass man lediglich bei genauem Hinsehen erahnen kann, dass es sich um eine junge Frau handelt. Unter der Kapuze sticht lediglich ein hellblaues Augenpaar hervor.


    Vor dem Tisch steht eine Schlange von Menschen. Nacheinander treten sie an den Tisch heran, werfen einen klimpernden Beutel hin und nennen einen Namen. In einem Buch, welches in dickes Leder eingebunden ist und mit einer Schreibfeder und Tinte notiert die junge Frau die genannten Namen. "Ich setze auf den dicken Metzgerburschen! Der wird Hackfleisch aus den halben Portionen da machen!" , dröhnt es ihr entgegen, als die Schlange sich beinah aufgelöst hat. Als die letzte Person ihren Platz neben dem Ring eingenommen hat und die junge Frau das Buch soeben zuklappen will, tritt jedoch eine weitere Gestalt an ihren Tisch heran: Es handelt sich um einen Mann, welcher in einen fein geschneiderten Pelz gekleidet ist, der ihm bis zu den Füßen reicht. An seinem Hals ist ein auffallend großes goldenes Amulett zu erkennen, in welches ein Saphir eingefasst ist. Das Gesicht des Mannes ist wohlgenährt und ein gut gepflegter Schnurrbart ziert seine Oberlippe. Ungläubig blickt die junge Frau zunächst auf den Halsschmuck des Mannes und dann in sein Gesicht. Der Mann räuspert sich: "Junge...Dame? Ich hörte in eurem..." Er lässt einmal den Blick umherschweifen und rümpft die Nase. "...in euren Straßen gäbe es Faustkämpfe zu bestaunen. Ich möchte eine Wette abschließen...auf den da!" Er deutet auf einen stämmigen Mann, welcher die anderen 9 Männer innerhalb des Kampfringes mit seiner Körpergröße deutlich überragt. An seiner rechten Wange befindet sich eine lange Narbe und seine Hände sind so groß, dass wohl ein Gesicht hineinpassen würde. Die junge Frau nickt lediglich und notiert sich den Namen des Kämpfers, auf welchen der Mann gezeigt hat. Mit erhobenem Haupt und einem siegessicheren Grinsen schlendert der fein gekleidete Herr nun ebenfalls zum Ring. Die junge Frau klappt das Buch zu und folgt ihm. Ihr Gesicht ziert ein Grinsen, welches jedoch durch ihre Kleidung nahezu vollständig verborgen bleibt. Sie tritt in den Ring und winkt den Hünen, auf welchen der feine Herr soeben gewettet hat, zu sich herunter. Sie flüstert ihm etwas in sein Ohr, woraufhin der Kämpfer lediglich einen Mundwinkel anhebt und der jungen Frau zunickt.


    Daraufhin verlässt sie den Ring und die Kämpfe beginnen. Nacheinander gehen die Kämpfer im Ring Mann gegen Mann aufeinander los: Fäuste fliegen, Blut spritzt, Knochen knacken. Ab und an ein schmerzerfüllter Aufschrei. Der schneebedeckte Boden innerhalb des Rings färbt sich allmählich rot. Die Kämpfe überbieten einander immer wieder an Brutalität und die Menge um den Kampfring grölt lautstark auf die Kämpfenden ein. Eines stellt sich schnell heraus: Der Hüne ist der Beste unter ihnen. Jeden Kontrahenten schickt er mit wenigen Fausthieben zu Boden und sie alle stehen nicht wieder auf. Am Ende sind nur noch zwei Kämpfer übrig und er ist einer von ihnen. Ihm gegenüber steht ein überaus fettleibiger und verschwitzter Mann, welcher seinem Gegner gerade mal bis zur Brust reicht. Der Kampf beginnt. Der Hüne breitet die Arme aus und winkt seinen Gegner heran. "Komm schon, du fette Sau! Willst du auch mal zuschlagen, oder willst du jetzt schon aufgeben?!" Hämisches Gelächter bricht um den Ring herum aus. Der dicke Mann scheint davon jedoch nicht beeindruckt zu sein. Langsam bewegt er sich auf der Stelle und behält sein Gegenüber im Auge. Nicht lange dauert es, bis der Hüne die Geduld verliert und auf ihn zustürmt. Mit dem rechten Arm holt er zu einem verheerenden Schwinger aus, welcher wohl den Kiefer jedes Mannes zum Zerbersten gebracht hätte. Schwungvoll rast die Faust auf das Gesicht des dicken Mannes zu, als dieser sich plötzlich duckt und seinem Gegner einen Aufwärtshaken in die Magengrube versetzt. Augenblicklich geht der Hüne dadurch zu Boden und krümmt sich. Kurz blickt er zum Rande des Rings, wo die junge Frau steht und das Ganze beobachtet. Kaum merklich zwinkert er ihr zu und wendet seinen Blick wieder seinem Kontrahenten zu, welcher ihm nur einen kurzen Moment später einen Kinnhaken verpasst. Der Hüne macht keine Anstalten, dem Schlag etwas entgegenzusetzen und fällt sofort nach hinten hin auf den Rücken. Er reibt sich daraufhin den Kiefer und rührt sich kaum noch. Wenige Momente später reißt der dicke Mann siegesgewiss die Faust in die Luft und die zunächst verdutzte Menge feiert seinen Sieg.


    Nachdem die Menge den siegreichen Kämpfer unter größten Mühen auf ihren Schultern hinfort getragen hat, ist die Gasse wieder nahezu leer. Die junge Frau sitzt wieder auf dem Hocker und blickt zufrieden auf einen großen Berg Goldmünzen hinab, welchen sie abzählt. Plötzlich tritt der fein gekleidete Mann an sie heran und seine zuvor siegessichere Miene ist einem zornigen Gesichtsausdruck gewichen. "Was sollte denn das?! Hast du deinem Kämpfer gesagt, er soll absichtlich verlieren? Dieses Würstchen war doch kein Gegner für meinen Mann!" Die junge Frau zieht die Kapuze ab und entblößt ihr schneeweißes Haar. Sie hat kaum das zwanzigste Lebensjahr vollendet und blickt den Mann vor sich mit gespielter Verwunderung an. "Wieso sollte ich denn das tun? Ich beeinflusse die Kämpfe nicht. Euer Kämpfer hat nun einmal seinen Gegner unterschätzt. Das kommt vor." Erbost haut der Mann mit der Faust auf den Tisch. "Du gibst mir jetzt SOFORT mein Gold wieder, du dreckiges Gör, sonst mache ich dir den Laden hier dicht!" Die junge Frau schmunzelt lediglich etwas und deutet mit dem Zeigefinger über die Schulter des Mannes hinweg. Hinter ihm steht der Hüne, welcher zuvor zu Boden gegangen war und räuspert sich. Der fein gekleidete Mann schluckt leise und starrt dem Schläger hinter sich in die Augen: "Ich...das wirst du bereuen!" Schnellen Schrittes entfernt der Mann sich daraufhin. Zufrieden lächelt die junge Frau und reicht dem Schläger, welcher ihr soeben abermals Ärger vom Hals gehalten hatte, einen klimpernden Beutel.


    Es ist mittlerweile später Abend. Die Kneipe ist nahezu menschenleer. Lediglich der Wirt hinter dem Tresen mit seiner schmuddeligen Schürze und seinem Bierbauch und die schmächtige junge Frau befinden sich noch in dieser. Die Frau sitzt alleine an einem Tisch in der hintersten Ecke der Pinte und ihre Füße ruhen auf einem zweiten Hocker vor ihr. In ihrer Hand befindet sich eine große Rumflasche, aus welcher sie immer mal wieder einen Schluck nimmt, während sie in das prasselnde Kaminfeuer blickt, welches als einzige Licht- und Wärmequelle der Kneipe dient. Sie nimmt soeben einen großen Schluck aus der Flasche, als die Frau plötzlich 3 Männer in roten Waffenröcken das Haus betreten sieht. Zielstrebig gehen die Männer auf den Tisch zu, an dem sie sitzt und einer von ihnen ergreift das Wort: "DU bist Cassia, nicht wahr? Ich meine...wieso frage ich überhaupt. Es gibt doch nur ein weißhaariges Gossenmädchen hier." Die Frau legt den Kopf schief: "Das stimmt wohl. Was führt euch denn hierher?" Auf dem Gesicht des Wachmanns, welcher schon gesprochen hat, bildet sich ein hämisches Grinsen. "Tja...du. Wir sind wegen dir hier. Uns kam zu Ohren, dass du illegale Wettgeschäfte betreibst. Du kommst jetzt also mit uns mit." Ungläubig starrt Cassia den Wachmann an: "Aber es ist doch längst kein Geheimnis mehr, dass ich Kämpfe an der Mauer veranstalte? Das hat euch doch sonst auch nicht geschert?" "Der Hauptmann meinte, der Kerl, der es uns gemeldet hat, sei wichtig, oder so...ein Gast von weit her." Unwirsch winkt der Wachmann ab. "Wieso erzähle ich dir das überhaupt? Du bist Abschaum aus der Gosse. Mich widert es an, mich in diesem dreckigen Laden aufhalten zu müssen, also komm jetzt gefälligst mit und gib keine Widerworte!" Einer der anderen beiden Wachmänner bewegt sich auf die sitzende Cassia zu, welche daraufhin vom Hocker aufspringt und dem Wachmann, der sich auf sie zubewegt, die Flasche ins Gesicht wirft. Dieser schreit schmerzerfüllt auf, als Glasscherben sich in seine Augenpartie graben, woraufhin die junge Frau einen Dolch aus ihrem Stiefel zieht. Sie stürmt auf den Mann zu, greift den Dolch an der Klinge und schlägt ihm mit dem Griff mit voller Wucht auf den Kiefer. Ein lautes Knacken ist zu vernehmen und der Mann geht zu Boden. Benommen liegt er dort und hält sich den Kiefer. Kaum will sich die junge Frau daraufhin über den Körper des bezwungenen Wachmanns hinweg in Richtung Ausgang begeben, spürt sie einen stumpfen Schlag auf ihrem Hinterkopf. Augenblicklich schlägt sie dumpf auf dem Boden auf und ihr wird schwarz vor Augen.


    Am nächsten Morgen erwacht Cassia. Das Erste, was sie nach dem Öffnen ihrer Augen erblickt, sind Gitterstäbe. Als sie sich umsieht, stellt sie recht schnell fest, dass sie sich in einer Zelle innerhalb der Kaserne befinden muss: Lediglich eine hölzerne Pritsche an der Wand und ein mit Wasser befüllter Eimer füllen die kleine Zelle, in welcher selbst die zierliche Frau kaum Bewegungsspielraum hat. Als sie ihre Lage realisiert hat, tritt sie an die Gitterstäbe heran und rüttelt lautstark an diesen. Immer und immer wieder reißt sie wie besessen an den Gitterstäben, bis sie sich schließlich dem Wassereimer zuwendet und diesen wutentbrannt bis zum Umkippen tritt. Hinter ihr ertönt schallendes Gelächter: "Oh oh! Das Weißhaar hat zu viel überschüssige Energie! Die werden sie dir in den Minen der Strafkolonie schon austreiben!"


  • Cassia

    Hat den Titel des Themas von „Cassia“ zu „Cassia - Von der Gosse in die Strafkolonie“ geändert.